O Wort, du Wort (Teil 1)

Ein berühmtes Zitat aus der Oper "Moses und Aaron" von Arnold Schönberg
Zitat aus der Oper „Moses und Aaron“ von Arnold Schönberg

„Dokke“ hätte die Rettung sein können. Das alte deutsche Wort wurde einst für Spielzeug-Puppen verwendet. Es wurde von dem Wort „Puppe“, das aus dem Lateinischen kam, verdrängt. In alten Schriften trifft man die „Dokke“ noch manches Mal, so gab es in der Spielzeugstadt Nürnberg damals „Dokkenmacher“. Hätte sich diese Bezeichnung durchgesetzt, dann würden kleine Mädchen heute „Dokkenwagen“ schieben und ein aufgeräumtes Haus würde man als „Dokkenstube“ bezeichnen. Der größte Vorteil aber wäre, dass die Bezeichnung „Puppe“ frei wäre für die Theaterform und der Begriff „Puppentheater“ hätte nicht den steten Beigeschmack von Spielzeug für Kinder.

Dockenmacher

Aber, ach, es ist nicht so gekommen. Im Deutschen sammeln sich unter dem Wort Puppe allerlei Dinge und neidvoll schauen die Puppenspieler auf die englische Sprache, die genau diese oben skizzierte Unterscheidung vornimmt: Mit „doll“ bezeichnt man im Englischen das Spielzeug und „puppet“ meint den animierten Körper auf dem Theater. Das deutsche Wort „Dokke“ und das englische „doll“ sind sicher sprachgeschichtlich miteinander verwand. „Dokke“ hätte also im Deutschen eine ähnliche Karriere machen können wie im Englischen. Ein Derivat von „Dokke“ hat sich in den nordischen Sprachen durchgesetzt. So spricht man im Norwegischen und Dänischen von „dukke“, aber leidvollerweise bezeichnet man damit wie im Deutschen die Spielzeug-Puppe genauso wie die Theater-Puppe. Und so schwingt auch in dem dänischen Wort „dukketeater“ das Kinderspiel unlösbar mit.

Also nix „Dokke“!  Und so bezeichnet „Puppe“ bei uns im Deutschen beides: Spielzeug und Theatermittel. Und das Ineinanderfließen der beiden Bedeutungsräume bringt Leid für alle, die der Überzeugung sind, dass das Puppentheaters auch dem erwachsenen Zuschauer vieles zeigen kann. Wer dieser Meinung anhängt, muss darunter leiden, dass die überwiegende Anzahl der Menschen Puppentheater für eine Vorform des „großen“ oder „echten“ Theaters hält, mithin für eine Sache, die sich an die „Heranwachsenden“ zu richten hat. Und wenn man denn eines Tages „Erwachsen“ ist, dann sei man auch dem Puppentheater entwachsen.

Ein Grund für diese verbreitete Annahme können herkunft und Lautung des unseligen Wortes sein. „Puppe“ stammt von dem lateinischen „puppa“ ab, einem Wort, das in erster Linie „kleines Kind“, „kleiner Mensch“ bedeutet haben mag. Darüber hinaus denke ich, dass es aus dem Bereich der frühkindlichen Sprache kommt. Das erste Wort der Kinder ist (oft) „Mama“. Dafür müssen sie nur die Lippen beim Summen auseinanderziehen und schon entfaltete sich das „M“. Lassen Babies die Lippen mit etwas Innendruck aufspringen, ergibt sich „P“, mit dem frühen Laut „a“ wird daraus „Papa“. Von dort ist es zu „Puppe“ dann nur ein weniges an Vokalvermögen weiter.
Aber während sich „Mama“ und „Papa“ später zu dem wesentlich schwere zu artikulierenden „Mutter“ und „Vater“ weiterbilden, gibt es für die „Puppe“ keine Weiterbildung zu – ich fantasiere jetzt mal – : „Patter“ oder „Fute“, sondern die Lautung bleibt auf dem „Babysprache“-Niveau und so haftet dem Wort „Puppe“ untrennbar sein frühkindliches Entstehen lautlich an.

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