Der Puppentheater-Archipel

Ausschitt Mikronesien

Wollte man die deutsche Puppentheater-Szene kartografieren, so käme eine Karte ähnlich der von Mikronesien dabei heraus. Sie gleicht einem Archipel: einzelne Inseln liegen weit verstreut im großen Meer. Der Ausstausch ist möglich, aber es liegt nicht nahe, sich zu begegnen und auszutauschen. 
Einen Grund für dieses Inseldasein sehe ich in der Form des Puppentheaters selber. Es ist eine Theaterform, die nicht viele Mitstreiter braucht. Ja, es ist die ideale Theaterform für Einzelspieler oder Paare und es gibt ihnen die Möglichkeit, ihre eigen kleine Welt zu erschaffen, die nur ihrer Ästhetik folgt.

So gleichen viele Puppentheater-Inszenierung einer Modellbauwelt, einem abgeschlossenen Kosmos mit dauerndem Sonnenschein. Andererseits gehört es zu den großen Stärken dieser Kunstform, dass sie einen so astreinen Kosmos herzustellen in der Lage ist. Die Puppen, der Raum, die zeitliche Struktur, die erzählerische Grundhaltung: alles das kann aus einer Hand kommen, oder von einem Menschen nach seinen Vorstellungen als Regisseur / Bühnenbildner / Puppenbauer realisiert werden. In der Musik, zum Beispiel, braucht man Mit-Spieler. Oft braucht man ausgeweisene Experten. Treten sie der Realisierung eines Kunstwerkes hinzu, bringen sie ihre Persönlichkeit ein. Das kann eine Berreicherung sein – muss es aber nicht. Jeder weitere Mitwirkende bringt durch seine Person die Aufweichung eines einheitlichen gestalterischen Zugriffs mit sich. Im Puppentheater können Solospieler das ganze Jahrhunderte theatral erzählen oder kleine Ensembles weltumspannende Geschichten darstellerisch bewältigen.

Kann man also behaupten, im Puppentheater sammelten sich deshalb soviele kleine Tyrannen und Egomanen, weil sie hier eine Kunstform gefunden haben, in der alles nach ihrer Nase geht? Wenigstens ist festzuhalten, dass das Puppentheater Künstler anzieht, die den großen Wirkungsgrad dieser Theaterform schätzen. Aus wie wenig, kann man hier wie viel machen!

Wenn mit Puppen eine einzelne Spielerin ein ganzes Drama vollständig darstellen kann, dann ist ein solches Verhältnis von Spielerin zu Stoffmenge per se „wow!“ (und eben nur im Puppentheater möglich). Je mehr Spieler aber an einer Puppentheater-Inszenierung beteiligt sind, umso kleiner wird der „Wow“-Effekt. Spätestens, wenn jeder Spieler je eine Puppe führt, ist der Vorwurf: „Da könnt ihr es ja gleich als Schauspiel aufführen“ schwer von der Hand zu weisen. 
Ich nenne diese beiden obengenannten Aspekte zugespitzt und zusammenfassend den „Hebel-Effekt“ und den „Kleines-Königreich-Effekt“ und es sind gute Argumente für eine glückliche Insel-Existenz.

Ich habe an den großen Theatern die Beobachtung gemacht, dass sie auch gerne mit sich und ihrem Publikum alleine blieben. Notwendigerweise aber müssen sie Experten (Sänger, Darsteller, Dirigenten, ua.) rekrutieren. Diese Notwendigkeit bringt Austausch und neue Impulse mit sich. Wer dies nicht braucht, und dazu zählen viele Puppentheater-Ensembles und Einzelspieler, kann mit sich selbst auch sehr glücklich werden.

So liegen denn die Puppentheater-Inseln im stillen Meer. Unter diesen Bedingungen trotzdem für Austausch zu sorgen, dafür soll auch diese Website da sein.

Advertisements

2 Gedanken zu “Der Puppentheater-Archipel

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s